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Monumentale Kunst in Mailand

Ausstellungstipp: „Die sieben himmlischen Paläste“ von Anselm Kiefer

#LeManoirInspiration
Monumentale Kunst versteckt in einer Industriehalle

Mailand gehört zu den wichtigsten Modehauptstädten Europas, aber auch Kunstfreunde kommen hier auf ihre Kosten. Neben den großen Museen wie dem „Museo del Novecento“ und architektonischen Highlights wie dem „Duomo“, gibt es auch weniger bekannte Ausstellungsräume, die jedoch an Qualität den größeren Häusern in nichts nachstehen.

Etwas außerhalb des Stadtkerns befindet sich auf einer ehemaligen Anlage einer Lokomotivfabrik die 2004 gegründete, gemeinnützige Stiftung „Pirelli HangarBicocca“. Sie beschreibt sich selbst als Institution, die sich der Produktion und Förderung zeitgenössischer Kunst verschrieben hat. Als Zentrum für „„Experimente und Entdeckungen" ist das gesamte Areal über 15.000 Quadratmeter groß und zählt damit zu einem der größten Ausstellungsräume in Europa. Dort werden jedes Jahr Einzelausstellungen von italienischen und internationalen Künstlern gezeigt, wobei jedes Projekt auf die besondere Architektur des Komplexes hin konzipiert wird.

Seit der Eröffnung des „Pirelli HangarBicocca“ befindet sich in einer der Ausstellungshallen die ortsspezifische Arbeit „Die sieben himmlischen Paläste“ (2004-2015) von Anselm Kiefer. Betritt man, wie ich, an einem schönen und besonders sonnigen Tag den riesigen, dunklen Kunstraum, müssen sich die Augen erst einmal an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnen. Schon kurz darauf jedoch stellt sich bei mir ein gewisses Gefühl von Ehrfurcht ein. Noch bevor ich die sieben monumentalen Türme darin richtig erkennen kann, fallen mir die extremen Ausmaße der Halle auf, in der ich mir selbst sehr klein vorkomme.

Der 1945 in Donaueschingen geborene Künstler Anselm Kiefer bezieht sich mit dem Titel seiner ortsspezifischen Installation auf die alte hebräische Abhandlung „Sefer Hekhalot“, das „Buch der Paläste/Heiligtümer ", die auf das 4. bis 5. Jahrhundert zurückgeht und von dem symbolischen Aufstieg zu den himmlischen Palästen Gottes handelt. Kiefers sieben Türme bestehen aus rechteckigen Modulen aus Stahlbeton und sind ungleichmäßig in der Halle verteilt. Ihr Gewicht beträgt jeweils 90 Tonnen, dabei sind sie allerdings verschieden hoch, nämlich zwischen 14 und 19 Meter. Zwischen den verschiedenen Ebenen jedes Turms helfen Bücher und Keile, die unter dem Gewicht des Zements zusammengedrückt werden, die statische Beschaffenheit der Struktur zu gewährleisten. 

Das Setting, die mit Strahlern angeleuchteten Türme in der dunklen Halle sowie die fast andächtige Stille im Ausstellungsraum, verstärken den monumentaler Charakter der Kunstwerke. Als Besucher läuft man zwischen ihnen umher, immer den Kopf im Nacken, Blick in Richtung Decke, an den Türmen hinaufschauend. Nur durch ständiges Umkreisen ist es möglich, wirklich alle Einzelheiten zu erkennen. 

Flankiert wird die Installation von insgesamt fünf großformatigen Gemälden bzw. Assemblagen Kiefers, die unter anderem verschiedene Aspekte der Türme aufgreifen und die Atmosphäre innerhalb der Ausstellungshalle verstärken.

Die Installation „Die sieben himmlischen Paläste“ kann quasi als eine Art „Ankunftsort“ für das gesamte künstlerische Schaffen von Kiefer gesehen werden, weil es viele seiner Ansätze und Themen des Künstlers hier in einer Art universellen und zeitlosen Form zusammenfasst: Assoziationen von Städten in Ruinen, Krieg, Religion, Spiritualität und der westlichen Zivilisation treffen hier aufeinander und laden den Besucher ein, über die Vergangenheit aber auch über eine mögliche Zukunftsvision nachzudenken. 

Text: Laura Wolf

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