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Interviews Christian von der Heide
Geburtstag und -ort 07.05.1979 in Hamburg
Beruf Gestalter
Wohnort Hamburg

Arbeit

Ästhetik als Erfolgscode? - Was zeichnet ein gelungenes Corporate Design für Dich aus?

Die richtige Mischung aus Empathie und Innovation. Es ist wichtig, dass das Design individuell auf den Kunden zugeschnitten ist und man dem Kunden etwas bietet, was bislang noch nicht da gewesen ist.

Was ist der erste Schritt, wenn Du ein Design entwickelst? - Hast Du da eine spezielle Strategie nach der Du vorgehst, wenn Du ein neues Design kreierst?

Es ist wichtig, dass man sich am Anfang mit der Marke, der Produktidee und/oder mit dem Auftraggeber auseinandersetzt. Es ist unabdingbar, dass man zuerst versteht, worum es geht und nicht nur aus dem Bauch heraus entwickelt und das dem Kunden quasi ,überstülpt'.

Du hilfst den Kunden also dabei herauszufinden, wer sie sind und wer sie sein sollen bzw. wollen…

Genau. Im Grunde genommen ist es zunächst einmal eine Forschung mit dem Kunden, am Kunden und an dessen Persönlichkeit - wenn es um Inhaber geführte Projekte geht. Es kann die Produktidee sein, die erforscht wird, wenn es um innovative Produkte geht. Es kann tatsächlich auch sein, dass man in eine Firmenhistorie einsteigen muss und letztendlich dann so lange forscht und sucht, dass man die Inhaber vielleicht sogar noch etwas vorher Verstecktes über das eigene Unternehmen entdecken lässt. Das ist, denke ich, der erste Schritt.

Es ist wie eine ganzheitliche Beratung. Die Historie ist wichtig, den inneren Schatz zu finden, herauszuarbeiten, der schon lange vorhanden ist und den dann auszugraben.

Also kann man sagen: "Authentizität = gelungenes Corporate Design?"

Auf jeden Fall! 

Und wenn Du diesen Schatz herausgearbeitet hast?

Dann gehe ich mit diesem erworbenen Wissen in Klausur und lasse die Sachen kommen. Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und das nach ‚Schema F’ entwickle, sondern ich muss mich da hinein fühlen und die Dinge visuell in mir finden, die quasi der Spiegel des Kunden sind.

Wie funktioniert das ,In Klausur gehen' bei Dir? - Schaltest Du das Telefon aus, ziehst Dich zurück und sagst Deinen Mitarbeitern, Du möchtest nicht gestört werden?

Genau, das ist dann richtig analog. Mit Block und Stift. Ich zeichne dann mit meinem Füllfederhalter Skizzen, die nur für mich bestimmt und die auch noch nicht ausgearbeitet sind. Ich bin dann in der Regel auch zu Hause, wenn es um grundlegende Gestaltungsideen geht. Die Ideen werden dann natürlich in einem Team noch ausgearbeitet und verfeinert.

In Deinen Designs hat also jedes kleine Detail einen tiefergehenden Sinn, ist eben nicht nur Ästhetik, sondern geht tiefer als die dekorative Oberfläche. Das ist spannend. Was inspiriert dich? Lässt Du Dich auch von Kunst inspirieren?

Ja, im Grunde genommen kann man sich von allem inspirieren lassen, was man irgendwie aufgenommen hat. Generell ist es wichtig, dass man offen durch die Welt geht und möglichst viel an Impressionen mitnimmt. Das kann alles sein, zum Beispiel absurde Farbkombinationen, die ich cool finde. 

Wann hattest Du das letzte Mal so einen Moment, in dem Du plötzlich dachtest: „das ist inspirierend, das muss ich mir merken“?

Jetzt eben gerade (lacht). Ich habe hinter Dich auf die Bank geschaut und gedacht, dass sie unglaublich absurd Gelb-Rot gestrichen ist, in einer abstrusen Farbkombination, und vielleicht findet sich diese Kombination irgendwann in einer meiner Gestaltungen wieder. Vielleicht geht sie auch wieder ,verschütt', aber das sind so Sachen, die einem auffallen und dann speichert man das ab.

Und warst Du schon immer so? Wem hast Du diese kreative Ader zu verdanken? - Hast Du viel gemalt? Wurdest Du als Kind so erzogen?

Gar nicht, nein. Überhaupt nicht. Das war eigentlich schon immer da. Es ist eine Begabung, mit der man tatsächlich geboren wird aber dann muss man sich dieser Begabung annehmen und sie pflegen, wenn man sie ausbauen möchte. Ich habe sie dann irgendwann für mich kultiviert und festgestellt, dass das ein Beruf sein kann: Sich A mit schönen Dingen zu umgeben oder B sie zu erschaffen oder erschaffen zu dürfen.

Funktionalität spielt hier ja auch eine Rolle. ,Form follows function'… Wann wusstest Du, dass Du ins Corporate- und ins Produktdesign gehen willst? Gab es da einen ausschlaggebenden Moment?

Überhaupt nicht. Letztendlich wollte ich früher Gärtner werden (lacht). Eigentlich würde ich auch heute noch gerne Gärtner werden. Die Natur ist für mich eine unglaubliche Quelle an Ästhetik. Das finde ich wahnsinnig beeindruckend und auch diese gewisse Unberechenbarkeit, weil man sich natürlich bestmöglich um alle Dinge kümmern, aber nicht alles beeinflussen kann, denn die Dinge, die da wachsen, die wachsen dann ja schon aus ihrem eigenen Willen heraus.

So ein bisschen ist das ja auch mit Deinen Ideen. Du hast Ideen, die dann wie Pflanzen in Dir wachsen und Du musst sie in Form schneiden.

Genau. Man muss sie in Form schneiden, man muss ihnen das Laufen lehren und dann müssen sie draußen klar kommen (lacht).

Hast Du Vorbilder? - Musen? Designer*Innen, Künster*Innen, die dich beeinflussen? Wenn ja, welche?

Ja, natürlich gibt es Menschen, die mich beeinflussen. Vorbilder zu haben finde ich schwierig, da man sich dann immer in einen direkten Vergleich setzt. Das möchte ich nicht, man muss sich, glaube ich, schon immer von den Besten inspirieren lassen und sich mit den Besten messen, was nicht heißt, dass man so vermessen ist, sich auf eine Stufe mit diesen zu stellen oder stellen zu wollen. René Lalique, zum Beispiel, inspiriert mich. Er war ja wirklich über Epochen hinweg ein Genie. Lalique hat von Art dèco bis in die 30er, 40er Jahre hinein natürlich auch den Jugendstil stark mitgeprägt und von Schmuck bis zu ganzen Raumausstattungen entworfen - das ist natürlich wahnsinnig beeindruckend. Oder Alexander McQueen inspiriert mich auch sehr. 

Was inspiriert Dich an Alexander McQueen?

Seine Konsequenz und sein Mut, in einer Härte Ideen umzusetzen - nicht nur kreative, sondern auch gesellschaftskritische Ideen. Es geht ja nicht nur um hübsche Dinge und darum, dass wir alle ,beduselt' sind vor Schönheit, sondern die Schönheit kann ja auch in ganz anderen Dingen liegen und muss ja nicht nur hübsche Oberfläche sein.

Was siehst Du aktuell als den innovativsten und interessantesten Trend im Bereich Produktdesign?

Ich kümmere mich nicht so richtig um Trends. Ich bin immer eher so der Alptraum für jeden Produzenten, weil ich mir immer Sachen überlege und diese dann irgendwie umgesetzt werden müssen (lacht).

Also andersherum: ,function follows form' bei Dir - ein bisschen?

Nein, nein - also es kann auch schon so sein, dass ich eine Funktion habe, aber letztendlich die Lösung, wie ich das umgesetzt wissen will, eben erschaffen werden muss; wie es gebaut und veredelt werden muss. 

Was ist das Schönste an deinem Beruf?

Dass er nie langweilig wird. Ich habe jeden Tag neue Themen und löse jeden Tag neue Gestaltungsprobleme bzw. Gestaltungsfragen. Jeder Kontakt und jeder Kunde bringt neue Impulse und ich muss mich da immer wieder drauf einstellen und neue Lösungen finden.

Kannst Du überhaupt abschalten? - Zum Beispiel, wenn Du Urlaub machst. Kannst du jemals abschalten und nicht über die Arbeit nachdenken?

Nein (lacht). Gestaltung ist für mich eher so etwas wie ein Charakterzug und die Arbeit ist dann vielleicht die Anwendung davon. Auch, wenn ich am Stand liege, denke ich über Ästhetik nach - vielleicht jetzt nicht über einen einzelnen Flakon oder über ein einzelnes Logo, aber generell ist mein kreatives Denken nicht abgeschaltet. Das ist einfach so, macht aber große Freude.

Welches große Ziel möchtest Du in deiner Karriere noch erreichen? - Mit wem würdest du gerne mal zusammenarbeiten? Was für einen Auftrag würdest du gerne mal annehmen?

Aufträge an sich sind mir nicht und waren mir nie so wichtig. Mir ist wichtig, dass ich mit Menschen zusammenarbeite, die meine Arbeit und mich wertschätzen, denn dann kann ich mich entfalten. Ich glaube, der schönste und prestigeträchtigste Kunde macht einen nicht glücklich, wenn es nicht auf gegenseitigem Respekt und Wertschätzung beruht.

Persönlichkeit

Bei welchem Essen könntest Du wegrennen?

(Lacht) Schwierig, also da ich ja sowieso kein Fleisch esse…aber da würde ich jetzt nicht vor wegrennen. Wo es dann wirklich kompliziert wird, das sind Meeresfrüchte - da bin ich nicht dabei. Fisch esse ich schon, aber bei Austern und Seeigeln, da bin ich raus!

Was kannst Du nur mit Humor ertragen?

Na, ich glaube andersherum ist es viel wichtiger. Dass man alles viel besser mit Humor ertragen kann. Das heißt nicht, dass man die Dinge nicht ernst nimmt. Aber ich denke, eine gewisse Spur Humor tut schon gut.

So nach dem Motto: Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht?

Ja. Das Leben besteht ja auch aus vielen Absurditäten, die sich vielleicht für viele Leute zum Drama entwickeln würden, wenn sie ihnen nicht mit Humor begegnen. Nur dann kann man auch sämtliche Absurditäten und Dinge, die im Leben passieren, auch wertschätzen und daran dann auch mehr Spaß haben.

Das stimmt. Und so entwickelt sich dann ja auch wieder Kreativität - in dem Moment, in man etwas mit Humor sieht und eine gewisse Lockerheit und Leichtigkeit verspürt, gibt man ja auch einzelnen Gedanken Raum, weil man nichts von sich abgrenzen muss...

Genau. Das finde ich auch ganz, ganz wichtig.

Was ist für dich wahrer Luxus?

Wahrer Luxus? - Das ist eine gute Frage. Ich beschäftige mich in meinem Job ja sehr mit sogenannten "Luxusgütern". Letztendlich ist wahrer Luxus für mich etwas, was A das Luxus-Deckmäntelchen nicht braucht, also nicht das Schild „Luxus“ trägt - es muss weder teuer noch irgendwie (vermeintlich) exklusiv sein. Ich denke tatsächlich, wahrer Luxus ist letztendlich sehr einfach: Begegnungen mit Menschen. Und die wahrscheinlich höchste Form von Luxus ist, geliebt zu werden - ich denke, mehr geht nicht und solche Erfahrungen und Dinge kann man nicht kaufen. Egal wie viel Geld man für irgendetwas ausgibt und egal wie prunkvoll oder elegant irgendetwas ist - ich glaube, man wird sich nie so gut fühlen, wie mit den richtigen Menschen umgeben zu sein und da vielleicht eine gewisse Sicherheit zu haben oder ein familiäres Gefühl zu verspüren. Das ist für mich die höchste Form von Luxus.

Das ist eine sehr schöne Antwort.

Wahrheit oder Pflicht?

Bei dieser Interviewrubrik ist der Name Programm. Wenn Du eine der kommenden drei Fragen bzw. Aufforderungen nicht vollständig beantwortest bzw. erfüllst, muss Du uns etwas zur Verfügung stellen, dass wir auf im Rahmen einer Aktion verschenken.
Was war Deine größte Modesünde?

Die größte Modesünde? Also ich erinnere mich an sehr knappe, kurze, weiße Trainigsshorts der bekannten Marke mit den 3 Streifen in meiner Jugend. Passend zu einem rot-weißen Rennrad hatte ich diese engen rot-weißen Shorts an (lacht).

Was ist Deine nervigste Eigenschaft?

Ich glaube: Pedanterie und ,sich festbeißen'. Zum einen ist es toll, wenn man sich an etwas festbeißt, aber es kann, glaube ich, auch Leute in den Wahnsinn treiben (lacht).

Welche Filmrolle verkörpert Dich?

Ehrlich gesagt habe ich überhaupt gar kein schauspielerisches Talent. Deswegen würde ich mir auch nicht anmaßen, mich mit einem Schauspieler messen zu wollen und ich habe auch in der Tat nie das Gefühl gehabt, wenn ich einen Film gesehen habe: Das bin jetzt ich, oder so. So eine Erkenntnis hatte ich nie.

Damit ist die Frage aber leider beantwortet (grinst)

Deswegen muss ich irgendwas opfern (lacht) - ok, gerne, ich überleg mir was!

Cool! Danke Christian für das interessante Gespräch!

Das Interview führte Katharina Arimont


Mehr zu Christian von der Heide hier.

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