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„The power of art is unlimited for social change" -Adrian Piper

Ausstellungstipp: Gewinnerin des Käthe-Kollwitz-Preis 2018

Artikel

Wie jedes Jahr zieht auch dieses Mal wieder die Art Week Berlin Kunstbegeisterte aus der ganzen Welt in die Deutsche Hauptstadt. Vom 26. bis zum 30. September gibt es in verschiedenen Institutionen Zeitgenössische sowohl Kunst mit großen Namen, als auch vielversprechende Newcomer, zu sehen. Dieses riesige Angebot kann allerdings schnell überfordern. Daher gibt es heute einen Ausstellungstipp, den Du Dir auch nach der Art Week noch in Ruhe anschauen kannst.

In der Akademie der Künste am Pariser Platz kann man nämlich noch bis zum 14.10. drei Arbeiten von Adrian Piper bewundern - der diesjährigen Gewinnerin des Käthe-Kollwitz-Preises, welcher seit 1960 vergeben wird und als eine Ehrung des künstlerischen Gesamtwerkes gilt. 

Über die Künstlerin

Die US-amerikanische Künstlerin und Philosophin Adrian Piper (*20.09.1948, NY) beschäftigt sich mit Themen wie Geschlecht und Rasse in einer weißen, männlich geprägten Gesellschaft. Ihre Arbeiten sind konzeptuell sowie minimalistisch, jedoch in keinster Weise elitär oder fernab jeglicher Lebensrealitäten. Piper glaubt nicht an eine Kunst im Elfenbeinturm, oder an l`art pour l`art. Vielmehr ist sie davon überzeugt, dass der Kunst eine gesellschaftsverändernde Kraft innewohnt. Deshalb fordert sie die Besucher*innen zur Interaktion mit ihren Werken auf und regt so Denkanstöße und Diskussionen zu unterschiedlichsten politischen, soziologischen oder ökonomischen Themen an.
Adrian Piper lebt und arbeitet heute in Berlin.

Drei Räume - Drei Arbeiten

In den Räumen in der Akademie der Künste am Pariser Platz kreiert Piper im Zuge des Käthe-Kollwitz-Preises 2018 drei ortsspezifische Arbeiten, die sich jeweils in drei separaten Räumen befinden.

"Mauer", 2010

Durch die gläserne Flügeltür kann man bereits einen guten Blick auf die Arbeit “Mauer” (2010) erhaschen. Dem Titel entsprechend baut sich beim Eintreten frontal vor mir eine Mauer aus alten, quadratischen und übereinander gestapelten Fernsehgeräten auf, die den Blick auf die gerade aus liegende, weiterführende Tür verwehrt. 

Die Bildschirme zeigen in unregelmäßiger Reihenfolge genau drei unterschiedliche Motive: Rote Rosen, ein Testbild des New Yorker Fernsehsenders WCBS-TV in schwarz-weiß sowie ein Störbild. Im Raum kann man zudem einen leichten Geruch von Rosen wahrnehmen.

Mit dieser Arbeit greift Piper die Geschichte des Ortes auf, der in Zeiten der DDR unter anderem auch als Gebäude für die Grenzer diente, deren Aufgabe es war, die Mauer zu bewachen. Das Fernsehgerät war für DDR-Bürger eines der wichtigsten Informationsquellen. Die Störbilder sowie das Sendeschluss-Testbild wiederum symbolisieren in dieser Arbeit die Grenzen dieser freien Informationsquellen. Neben der allgemeinen Bedeutung von Rosen als Symbol für Liebe oder Schönheit, stehen diese ebenfalls für Revolution und Emanzipation.

"Hier", 2018

Zunächst wirkt der zweite Ausstellungsraum völlig leer. Es befindet sich keine Skulptur oder Installation auf dem Boden, kein Bild hängt an den blütenweißen Wänden. Dann erst entdeckt man die eingravierte Schrift: In Hebräisch, Deutsch und Arabisch steht je an einer Wand untereinander: “Ich war hier”, “Wir waren hier”, “Wir sind hier” geschrieben. Die Worte, Weiß auf Weiß, scheinen leicht zu leuchten. In dem ansonsten leeren, ruhige Raum entsteht auf diese Weise eine beinah sakrale Atmosphäre. Erinnerungen an Inschriften in Kirchen oder auf Grabsteinen, aber auch Denkmälern werden wach. Die drei Sprachen können zudem als Metapher für die drei Weltreligionen gelesen werden: Judentum, Christentum und der Islam. Durch die Verwendung der Gegenwarts- und Vergangenheitsform des Verbs “sein” werden Assoziationen von Vergänglichkeit und dem unaufhörlichen Fluss der Zeit geweckt.

Adrian Piper, "Das Ding-an-sich bin ich", 2018, Ausstellungsansicht Akademie der Künste Berlin, Pariser Platz, Foto:Laura Wolf
"Das Ding-an-sich bin ich", 2018

Im letzten Raum erwartet mich ein Labyrinth aus Spiegeln und Stimmengewirr. Unregelmäßig verteilt stehen hohe, spiegelnde Kuben in dem sonst leeren, weißen Raum. Der dunkle Boden wird durch weißes, dünnes Klebeband in quadratische Fliesen gegliedert. Bei jedem Schritt, bei jedem Blick in die spiegelnden Flächen um mich herum scheint sich die Perspektive des Raumes zu verschieben. Ich betrachtet kritisch die eigene Reflexion von unterschiedlichen Seiten, die Spiegelung der Spiegelung des Bodens, der Decke, aus dem Nichts tauchen plötzlich Spiegelbilder anderer Besucher*innen auf. Zum optischen Verwirrspiel kommt ein Akustisches hinzu: Bewegt man sich nämlich zwischen den Kuben hin und her, werden die versteckten Lautsprecher aktiv. Ich gehe ganz nah an einen heran, um das Gesprochene verstehen zu können und versuche, die anderen Stimmen auszublenden, was mir nicht gelingt. Je mehr Besucher*innen sich mit mir im Raum befinden, je mehr Stimmen lagern sich übereinander. Später erfahre ich, dass es sich um insgesamt 8 unterschiedliche Sprachen handelt: Somali, Arabisch, Hebräisch, Türkisch, Hindi, Persisch, Gälisch und Isländisch.

Diese partizipatorische Arbeit von Piper fordert die Betrachter*innen auf, sich auf ihre Wahrnehmung zu konzentrieren und über die Verhältnisse von Wirklichkeit und Täuschung, Raum und Zeit sowie das eigene Ich und dessen Abbild(er) nachzudenken.

Text: Laura Wolf

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