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#RhodesMustFall: Ausstellung in der Akademie der Künste

Ausstellungstipp: Berlin Biennale - Teil 2

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#RhodesMustFall: Berlin Biennale in der Akademie der Künste

„DEAR HISTORY THIS REVOLUTION HAS WOMEN, GAYS, QUEERS and TRANS, REMEMBER THAT #RHODESMUSTFALL“ (Liebe Geschichte, in dieser Revolution gibt es Frauen, Schwule, Queers und Trans. Vergiss nicht: #RhodesMustFall) [1]

Mit diesem Zitat beginnt die Kuratorin Gabi Ngcobo die Einleitung für den Katalog zur 10. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst. Der Satz stammt von einem Banner, dass Student*innen der südafrikanischen Protestbewegung „Fallists“ am 9. März 2015 in den Händen hielten. Cecil John Rhodes war ein berühmter Imperialist, der die Briten als anderen Völkern übergeordnet ansah. Eine Statue des Mannes, die über 80 Jahre auf einem Sockel mitten auf dem Campus der Universität Kapstadt thronte, überlebte die Proteste nicht -  sie wurde einen Monat später endgültig entfernt. Der Sockel steht nun leer, der ehemalige Held ist gefallen. 

Diese Leerstellen, die zurückbleiben, interessieren die Kuratorin, denn sie enthalten Potenzial für Neues, vielleicht Besseres. Was einmal in Stein gemeißelt galt, hat plötzlich keinen Wert mehr. Die Zukunft? – Ungewiss. Ngcobo ruft uns dazu auf, trotz dieser noch im Nebel liegenden Zukunft, weiterhin die Geschichte(n) kritisch zu reflektieren und uns von alten Held*innen, tradiertem Gedankengut oder überholten Paradigmen zu trennen. 

3 Künstler*innen - 3 Denkanstöße

Die Arbeiten der Biennale sollen zu Denkanstößen führen und einen Dialog zu genau diesen historischen Prozessen anregen, die sich zur Zeit, laut Ngcobo, nicht nur in Berlin sondern auf der ganzen Welt abspielen. Im Folgenden stelle ich Arbeiten von Künstler*innen vor, die während der Biennale in der Akademie der Künste zu sehen sind und bei mir aus unterschiedlichen Gründen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

1. „INTERDIMENSIONAL MERCENARIES“ 2014 von Agnieszka Brzeżańska

Die Collagen der ausgebildeten Malerin Agnieszka Brzeżańska bestehen aus einer lauten, bunten Mixtur und zogen mich direkt wie magisch an. Klare, geometrische Formen, die teilweise auch in ihrer Farbgebung an Maler der klassischen Moderne, wie beispielsweise Mondrian, erinnern, sind über verstörende Nachrichtenbilder gelegt. Dort eine explodierende Bohrinsel, Feuer und Rauch, hier ein Ausschnitt aus einem Kriegsgebiet. Diese Bilder übermalt Brzeżańska mit Acrylfarbe, sodass teilweise nur noch die Ränder der Fotos zu sehen sind. Im Zentrum der Collagen steht oft ein runder Kreis, aus dem sich manchmal sonnenartig Strahlen über das Bild ergießen oder aber ein nach oben oder unten ragendes Dreieck. Diese Formen sowie die Verwendung von goldschimmerndem Blattmetall, erinnern an religiöse, mythische Zeichen und Symboliken. 

Neben der Reihe aus Collagen befindet sich ein Bildschirm, auf dem verschiedene Nachrichtensendungen gezeigt werden. Auch hier wird den Besucher*innen der Blick durch einen aufgemalten goldenen Smiley versperrt. Möchte die Künstlerin uns auffordert der ungeschönten Realität ins Auge zu blicken, richtig hinzusehen und uns nicht all zu schnell ablenken zu lassen? 

Die Collagen sind übrigens Teil der „Kobayashi Maru“ Serie. Der Titel referiert auf eine unlösbare Aufgabe aus der TV-Serie Star Trek (Raumschiff Enterprise), die psychische Reaktion auf Misserfolge testen soll. Captain Kirk schafft es jedoch, die Aufgabe tatsächlich zu lösen, indem er das System austrickst.

Agnieszka Brzeżańska FIRST SPARK, 2014, Courtesy Agnieszka Brzeżańska; NANZUKA, Tokyo, Foto: Keizo Kioku
2. „19° 36’ 16.89“ N, 72° 13’ 6.95“ W) / (52.4042° N, 13.0385° E“, 2018 von Firelei Báez

Vor dem Eingang der Akademie der Künste befindet sich eine Ruine. Keine aus echtem Stein, das erkennt man bei näherem Hinsehen. Es handelt sich vielmehr um die erste Arbeit von mehreren der Künstlerin Firelei Báez, die es in der Akademie der Künste zu sehen gibt. Die Installation besteht aus Stahl und Gipskarton, der mit Acryfarbe bemalt ist.

Die Koordinaten im Titel beziehen sich auf zwei sehr unterschiedliche Orte, die auf den ersten Blick und wohl auch auf den zweiten Blick, nicht viele Gemeinsamkeiten haben: Milot, Haiti und Potsdam,Deutschland. An diesen beiden Orten befindet sich jedoch ein Gebäude mit dem Namen “Sans-Souci” bzw. “Sanssouci”.

Das eine, erbaut zwischen 1745 und 1747 als Sommerresidenz des preußischen Königs Friedrich II. das andere, das heute in Folge eines Erdbebens nur noch als Ruine existiert, entstand zwischen 1810 und 1813 und wurde von König Henri Christophe in Auftrag gegeben. Neben diesen Orten, auf die sich die Künstlerin bezieht, verweist sie inhaltlich ebenfalls auf den haitianischen Revolutionär Oberst Jean-Baptiste Sans-Souci, der 1803 vom nachfolgenden König von Haiti ermordet wurde.

Báez untersucht mit dieser Arbeit die Bedeutung von historischen Orten und Personen und fragt danach, welche Geschichten im kollektiven Gedächtnis bzw. in der Geschichtsschreibung hängengeblieben sind und welche nicht?

Ein weitere, interessante Arbeit von Báez, die man schnell übersehen kann, aber nicht verpassen sollte, befindet sich am Ende der Ausstellung unten im Foyer, etwas versteckt unter dem Aufgang. Sie trägt den Titel „for Marie-Louise Coidavid, exiled, keeper of order, Anacaona, 2018“. Auf einem Bild in einem alter Schrein, um den herum schon die Tapete abbröckelt, ist eine unheimliche, rosafarbene Gestalt abgebildet. Handelt es sich um eine Göttin? Was will ihr (?) durchdingender Blick uns sagen?

Firelei Báez, 19° 36’ 16.89“ N, 72° 13’ 6.95“ W) / (52.4042° N, 13.0385° E, 2018, Acryl, Gipskarton, Stahl, Installationsansicht, 10. Berlin Biennale, Akademie der Künste (Hanseatenweg), Berlin, Courtesy Firelei Báez; Kavi Gupta Gallery, Chicago, Foto: Timo Ohler
3. „Again / Noch einmal", 2018 von Mario Pfeifer

Die Videoinstallation von Mario Pfeifer lässt einen mit gemischten Gefühlen zurück: Traurigkeit, Wut, Unverständnis, Resignation? 

Zwei riesige Bildschirme stehen in einem stumpfen Winkel aneinander gelehnt. Zu sehen ist eine Art Reportage, mit Sprecher im Off, Moderatoren und Interviews.

Mit „Again / Noch einmal“ stellt Mario Pfeifer eine inszenierte Aufarbeitung eines realen Vorfalls nach, der sich im April 2016 in einem Supermarkt in Ostdeutschland ereignete: In Arnsdorf betritt ein junger Mann einen Supermarkt. Er wirkt verwirrt und aufgebracht. Vier Männer zerren den gebürtigen Iraker daraufhin hinaus auf den Parkplatz, wo sie diesen schwer verletzten und danach an einem Baum gefesselt zurücklassen. All das wurde mit einer Handykamera von einem weiteren Zeugen gefilmt und landete im Netz. Viele gaben dem Opfer die Schuld und feierten die Täter als Helden, die Zivilcourage bewiesen hätten. Der psychisch kranke Iraker starb nur kurz vor dem Beginn des Gerichtsverfahrens und es kam nie zu einer Anklage.

Mit seiner inszenierten Dokumention kritisiert der Künstler das Urteil und stellt das gesamte Rechtssystem in Deutschland infrage. Zudem versucht Pfeifer, die andere Seite, nämlich die des Opfers, zu zeigen, das nie die Chance bekommen hat, zu sprechen. Mit einer fiktiven Jury wickelt er den Fall neu auf, stellt unbequeme Fragen und lässt Menschen zu Wort kommen, die von täglichem Rassismus in Ostdeutschland erzählen. 

Mario Pfeifer, Again / Noch einmal, 2018, 4K-Video transferiert auf HD, 2-Kanal-Installation, Farbe, 5.1 Surround, 23′, Installationsansicht, 10. Berlin Biennale, Akademie der Künste (Hanseatenweg), Berlin, Courtesy Mario Pfeifer; KOW, Berlin, © 2018 VG Bild-Kunst, Bonn, Foto: Timo Ohler

Text: Laura Wolf

[1] Ngcobo, Gabi, We Don`t Need Another Hero. 10. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst, 09.06.- 09.09.2018, Ausstellungskatalog, 20018

Titelbild: 

Firelei Báez, for Marie-Louise Coidavid, exiled, keeper of order, Anacaona, 2018, Öl auf Leinwand, Installationsansich, Foto: Jennifer Meiser

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