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Kristiane Kegelmann für Le Manoir Art

Le Manoir Art Kunstprojekt Kristiane Kegelmann Video abspielen
Le Manoir
Kristiane Kegelmann a≡a (Identität) Interaktive Skulptur 2017 (Metall, Glas, Wasser, Spiegel, essbare Elemente)

Seit jeher wird uns eingetrichtert, dass wir im Museum nichts anfassen dürfen. Diese Anweisung lässt sich mit den neuen zeitgenössischen Kunstformen zwar nicht mehr verallgemeinern, aber bei klassischen Werken gilt: „Bitte nicht berühren“. Also müssen wir dem wohl oder übel Folge leisten – so verlockend es auch ist, beispielsweise über die spiegelglatte Oberfläche einer Skulptur von Jeff Koons zu streichen oder durch die pastosen Sonnenblumenfelder eines Van Goghs zu fahren. Schade, denn eigentlich sind wir multisensuelle Lebewesen, unsere Erfahrung ist ganzheitlich ausgelegt. Und nun kommt Kristiane Kegelmann um die Ecke. Die Künstlerin schafft Skulpturen, die als performative Installationen essbare Elemente enthalten.

Zur Unternehmensphilosophie von Le Manoir "Wahrer Luxus konzentriert sich auf das Wesentliche", realisiert Kristiane Kegelmann eine interaktive Skulptur mit dem Titel a ≡ a (Identität). Mit ihr behandelt die Künstlerin essentielle Fragen, die sich jeder von uns im Laufe seines Lebens stellt: „Wer bin ich und wie wirke ich auf andere?“ Der Begriff „Identität“ leitet sich von dem lateinischen Wort „Idem“ ab, was übersetzt der-, die-, dasselbe bedeutet. Identität bezeichnet allgemein die individuellen Eigenschaften einer Person, die den Kern ihres menschlichen Seins ausmachen. In ihrer Arbeit thematisiert die Künstlerin den immerwährenden Wunsch, die eigene Persönlichkeit als das Wesentliche in jedes Tun hineinzulegen und die Tatsache, dass gesellschaftliche Normen dies oft unmöglich machen. 

Das Besondere an Kristiane Kegelmanns Skulpturen sind ihre Beschaffenheit und ihr "Werk Erleben". Ihre Skulpturen enthalten essbare Elemente, die jedoch auf den ersten Blick nicht als solche erkennbar sind. Die Künstlerin spielt mit Materialien und Oberflächen, gleicht essbare und nicht essbare Elemente einander an. Die performative Erfahrung gliedert sich in drei aufeinanderfolgende Abläufe: 1. Betrachten: der Versuch einer Einordnung 2. Eingreifen: berühren, essen und damit das Werk verändern 3. Wahrnehmen des veränderten Kunstwerkes mit seinen Leerstellen und Spuren. Bei alledem spielt Kristiane Kegelmann mit dem Faktor des Unerwarteten und Unkonventionellen.

Die Skulptur fordert den Betrachter nicht explizit zum Anfassen auf. Man kann diese Information beiliegenden Flyern oder Wandtexten entnehmen. Zunächst findet also die visuelle Erfahrung statt. Das Auge sucht die Skulptur ab, versucht zu ergründen, welche Oberflächenstrukturen nach Essbarem aussehen – die Verunsicherung greift: Ein schüchternes „sich umschauen“, was machen die Anderen, gefolgt von einem vorsichtigen Abtasten der Skulptur, um das Essbare zu finden, wodurch die visuelle Erfahrung von der haptischen und schließlich geschmacklichen Erfahrung abgelöst wird. Manch einem mag dabei die Stimme der Mutter im Kopf erklingen: „Mit Essen spielt man nicht“, doch Kristiane Kegelmann darf das: Sie ist ausgebildete Konditorin, lernte in renommierten Häusern, unter anderem im Traditionshaus Demel in Salzburg. Bei der Herstellung ihrer essbaren Elemente verwendet sie ausschließlich qualitativ hochwertige, natürliche Zutaten in Bioqualität und konzentriert sich dabei auf wenige, wesentliche Inhaltsstoffe. Sie verwendet keine künstlichen Aromen und auch keinen Zucker, sondern süßt mit Honig oder anderen natürlichen Süßungsmitteln. Zudem kombiniert Kegelmann unterschiedliche Komponenten und erzeugt ungewöhnliche Geschmacksrichtungen, die über süß bis hin zu salzig und beides zugleich reichen. Geschmacklich wie visuell wird der Betrachter überrascht, assoziiert man doch mit der verwendeten, dunklen Schokolade einen bestimmten Geschmack, der sich jedoch nicht immer erfüllt.

Ihrem künstlerischen Drang konnte Kristiane Kegelmann in der klassischen Patisserie nicht nachgehen. Daher zieht es sie 2015 nach Berlin, wo sie beginnt, ihre außergewöhnlichen Skulpturen zu realisieren. Sie experimentiert mit verschiedenen Materialien wie Beton, Holz, Metall und gleicht die Oberflächenstruktur und Farbigkeit der essbaren Elemente an die jeweiligen, sich unmittelbar neben ihnen befindenden Materialien an, sodass es schwierig ist zu erkennen, wo das essbare Element beginnt und wo es aufhört. Manchmal haben die Pralinen eine marmorartige Struktur, glänzen wie Metall oder erinnern an Beton, mal sind sie glatt, mal gebrochen und porös. Kegelmanns Werke haben etwas architektonisches, eine skulpturale Ästhetik, eine starke Anbindung an Licht und Schatten. Aus Essbarem und nicht Essbarem entsteht ein Gesamtkunstwerk, das aktiv vom Betrachter erlebt wird. Dieser wird in Kristiane Kegelmanns Skulpturen zu einem wichtigen Teil des Kunstwerkes, das nur durch ihn in seiner Bedeutung vollständig wird. Gleichzeitig fordert das “Werk-Erleben“ eine spezielle Art emotionaler und wahrnehmender Aufmerksamkeit. Dort, wo einst das Essbare lag, ist nun eine Leerstelle. Es bleiben Krümel und die nicht essbaren Elemente zurück. Die Leerstellen werden wahrgenommen und verändern das Kunstwerk - übrig bleibt ein Zeuge des performativen Geschehens, das sich in ihrem für Le Manoir realisierten Werk ≡ a (Identität) wie folgt abspielt und darstellt:

Das Kunstwerk besteht aus einem Becken aus Metall, Licht, Wasser, einem Spiegel und essbaren Elementen. Aus einem riesigen Metallbecken auf dem Boden mit länglicher Öffnung an der Oberseite, strahlt Licht nach oben bis zu einem an der Decke hängenden Glasbecken. Dieses ist mit Wasser gefüllt und wird von einem Deckel mit einer verspiegelten Unterseite verschlossen. In der Mitte des Raumes, zwischen Glas und Metallbecken, schweben Stangen mit zum Teil essbaren Elementen. Beim Greifen nach diesen wird unser Blick als Betrachter dem Licht folgend nach oben gelenkt, bis wir uns mit unserem Spiegelbild konfrontiert sehen. Durch das Wasser ist dieses jedoch verschwommen und verfremdet. Wir sehen uns wie auf einer weiteren Ebene, die wir nicht rational greifen können. Wer wir sind und wie wir auf andere wirken, lässt sich nicht konkret fassen.

Gerade in der heutigen Zeit, in der uns die konventionellen Normen wie Masken auferlegt werden, ist das Bewusstsein der eigenen Identität ein starkes Thema. Bereits im 20. Jahrhundert zeigte der Psychoanalytiker Sigmund Freud auf, dass ein komplett unabhängiges „Selbst“ nicht existiert. Später argumentierten Theoretiker wie die Philosophin und Philologin Judith Butler, dass ein Individuum erst von der Gesellschaft erschaffen wird. Laut Butler erhält ein Individuum nur einen Subjektstatus und gilt als Mensch, wenn es sich den Regeln und Normen der Gesellschaft unterwirft und in die willkürlich gesetzten Kategorien passt. Neue Formen der Identität können demzufolge nur durch ein Erweitern dieser Kategorien und Grenzen erreicht werden. 

Künstler reagierten darauf, indem sie neue Identitätskonzepte ausprobierten, die den Spielraum der menschlichen Existenz erweiterten. Spiegel-Szenen ziehen sich bereits durch die Antike, das Mittelalter und die frühneuzeitliche Kunstgeschichte hindurch bis in die Moderne und Gegenwart, um das Abbild des eigenen Selbst zu thematisieren. Die wörtliche Symbolik des Spiegels ist die Reflexion des eigenen Spiegelbildes, seine metaphorische Bedeutung ist weitumfassend. Durch ihn wird eine weitere Wahrnehmungsebene eröffnet. Der Spiegel ermöglicht seinem Betrachter, einen Blick zurück auf sich selbst und sein Umfeld zu werfen. In Werken zeitgenössischer Künstler zeigt sich eine vielfältige Auseinandersetzung mit dem Motiv des Spiegels, wie zum Beispiel bei Olafur Eliassons Ausstellung in Berlin (Innen Stadt Außen, 2010), in der sich der Betrachter an den ungewöhnlichsten Orten, auch außerhalb des musealen Kontextes, mit seinem eigenen Spiegelbild konfrontiert und zugleich kontextualisiert in seiner Umgebung sieht. Auch Wasser hat eine Spiegelfunktion: Der erste Spiegel war eine glatte Wasseroberfläche – erinnern wir uns nur an die mythologische Figur des Schönlings Narziss, der in einer Quelle sein eigenes Spiegelbild sah, sich in dieses verliebte und als er versuchte, nach dem anderen selbst zu greifen, ertrank.

Das Motiv des Spiegels wurde in zahlreichen Philosophietheorien und psychologischen Abhandlungen thematisiert. Eine der bekanntesten stammt von dem französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan. Dieser führt 1935/36 den Begriff des „Spiegelstadiums“, auch „Spiegelphase" genannt, ein und beschreibt mit diesem  den entwicklungspsychologischen Abschnitt eines Kleinkindes zwischen dem 6. und dem 18. Lebensmonat. Das Kind entdeckt im Spiegel seinen Körper als eine ganzheitliche Einheit und Gestalt, mit der es sich identifiziert. Erst durch das im Spiegel erblickte Selbstbild ist es symbiotisch mit seiner Außenwelt verbunden, vor allem mit der Mutter. Nun beginnen sich sein Ich und Nicht-Ich voneinander zu trennen. Das Kind erfährt sich zum ersten Mal als eigenständiges und vollständiges Lebewesen. Doch dieser freudige Moment ist eine Täuschung und das ist der ausschlaggebende Punkt in Lacans Theorie: Dieses andere Selbst im Spiegel ist nur ein Abbild eines imaginäres Selbst, das zudem an einem Ort außerhalb seines eigenen Selbst liegt: im Spiegel. Der Moment dieses Erkennens ist also zugleich ein Moment des Entfremdens. Mit seiner Theorie der Spiegelphase, versucht Jacques Lacan eine Antwort darauf zu geben, wie im Menschen Selbstbewusstsein entsteht und funktioniert. Diese Spiegelphase lässt sich nach Lacan als fortlaufendes Problem beschreiben, das wir Menschen im Laufe unseres Lebens haben: Uns gefällt dieses unerreichbare, idealisierte Bild von uns selbst, das wir nie sein können. 

Der Titel von Kristiane Kegelmanns Werk zu diesem Thema ≡ a (Identität) ist nicht ohne Grund in der Sprache der Logik geschrieben. Er verdeutlicht, dass ein vollkommenes Erkennen unseres Selbst und unserer Wirkung auf andere nicht möglich ist. Die Logik ist eine philosophische Beurteilungskunst, mit der sich Argumentationen und Begriffsbildungen auf ihre Richtigkeit überprüfen lassen. In logischen Systemen wird Identität über Ununterscheidbarkeit eingeführt mit der Formel a ≡ a. Bei der Suche nach der eigenen Identität sei diese nicht ausreichend, so die Künstlerin.

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